Beispiel: Geschieden und doch an die Vergangenheit gebunden!

Gerald ist seit 8 Jahren geschieden und denkt, er sei frei! Er wundert sich, dass es keine Frau länger als drei Wochen neben ihm aushält und seine Enttäuschung über die Frauen wird immer größer. Nach kurzer Beratungszeit mache ich Gerald aufmerksam, dass er in der Vergangenheit lebt.
Er spricht, oder besser gesagt schimpft ständig über seine Exfrau, er ist voll Trauer, Wut und Vorwurf. Er hat alles gegeben und sie hat ihn dennoch wegen eines anderen verlassen. Gerald ist noch nicht mit dem Schicksal ausgesöhnt, er geht mit seinen Gedanken seit acht Jahren immer wieder zurück und erschafft sein Leid täglich erneut. Ein wesentlicher Schritt wäre, die Exfrau endlich in seinen Gedanken in Frieden zu lassen und Eigenverantwortung für die Trennung zu übernehmen.
Seinen eigenen Teil der Verantwortung zu übernehmen, lehnte Gerald noch immer strikt ab. Seine Exfrau sei alleine schuld, er habe alles gegeben und er sei sich keiner Schuld bewusst.
Sie habe ihnen keine weitere Chance gegeben, er hätte alles verändert, aber sie sei hart geblieben. Das hat er ihr bis heute nicht verziehen.
Ich hake nach und frage Gerald: "Was hättest du verändert, wenn sie dir eine Chance gegeben hätte?" "Dann hätte ich mehr Zeit mit ihr gemeinsam verbracht, mehr geredet, wir hätten regelmäßig Urlaub gemacht. Meine Frau hat mir oft vorgeworfen, dass ich nur arbeite und spare, aber ich habe doch alles nur für uns getan."
Wem verzeiht Gerald nicht?

Wenn wir die Rollenaufteilung in Geralds Ehe betrachten, wird rasch klar, wer hier bestimmte. Gerald verfügte ziemlich autoritär darüber, was mit "seinem Geld" geschehen sollte. Seine Frau war in einer eher machtlosen Position, sie verdiente nicht selbst und bettelte jahrelang um einen Urlaub oder ein wenig Zuwendung. Als die Frau in ihre Kraft ging und einen Neubeginn verweigerte, nahm sie damit Gerald die Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Er blieb mit der Wut, seinen Schuldgefühlen und ohnmächtig (d.h. ohne Macht) zurück. Er wusste, dass er durch sein autoritäres Verhalten alles verspielt hatte. Anstelle von Einsicht und Selbstreflexion ging er in den Vorwurf. Dieser Vorwurf schützte ihn vor seinem Schmerz und vor seinen Schuldgefühlen. Verantwortung übernehmen hat damit zu tun, dass ich meine Lebensumstände - auch die unangenehmen - als meine eigene Kreation erkennen kann, die ich zwar nicht immer freiwillig erschaffen habe, die sich aber durch die Erfahrungen und Verstrickungen der Familie entwickelten. Die Erfahrungen in der Familie und in unserer Kindheit prägen unser Denken, unser Verhalten und fördern dadurch eine ähnliche Erwartungshaltung vom Leben, dadurch sind wir in Resonanz mit der Umwelt.

Gerald hat wie sein Vater brav gearbeitet, aber die Bedürfnisse seiner Exfrau nicht ernst genommen. Er hat bei seinen Eltern erlebt, dass die Mutter auf alles verzichtet und keine Ansprüche stellt. Er hat kaum gesehen, dass Vater und Mutter etwas gemeinsam unternahmen oder besprochen hätten.

Das Beziehungsverhalten seiner Eltern prägte sein Verhalten in der Ehe. Wenn seine Exfrau Wünsche aussprach, wurde sie nicht gehört, es kam meistens zum Streit. Irgendwann sagte sie nichts mehr und verließ ihn. Gerald verstand sie nicht, er war doch verlässlich, treu und fleißig, brachte sein Geld nach Hause.

Er erfüllte doch alles, wie "Mann" sein sollte. So hatte er es doch auch bei seinem Vater gesehen! Er ahmte in aller Unschuld nach, was ihm sein Vater und seine Mutter vorgelebt hatten und fühlte sich gut und richtig dabei. Das Beziehungsmodell der Eltern ist im Gedächtnis von Gerald eingeprägt oder eingespiegelt. Er ist ein gehorsames Kind geblieben. Er machte es so wie seine Eltern und fühlte sich dabei sicher. Für Gerald war es ein wesentlicher Schritt, 8 Jahre nach der Scheidung seinen eigenen Anteil der Verantwortung zu übernehmen. Dieser Anteil bestand darin, folgendes zu erkennen und auszusprechen: Er sagt bei der Familienaufstellung zur Stellvertreterin seiner Frau: "Ich habe dich nicht gehört und deine Bedürfnisse nicht ernst genommen. Ich habe mich nach dem Verhalten meiner Eltern orientiert.

Du hast mir viele Chancen gegeben, welche ich nicht wahrgenommen habe, dann war es zu spät. Es tut sehr weh, schade, dass ich es nicht früher erkannt habe. Das habe ich mir selbst nie verziehen.

Heute verzeihe ich mir selbst und schaue versöhnt zurück auf uns: Durch dich habe ich viel gelernt. Ich danke dir für unsere gemeinsame Zeit.

Ich werde dich immer als meine erste Frau achten. Jetzt übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und lasse deinen Teil bei dir. Bitte lass uns gute Eltern sein, in unseren Kindern sehe ich unsere Liebe."

Anschließend meinte Gerald: "Es war hart, aber wahr. Ich habe die Wahrheit gespürt in jedem Wort. Ich muss nur mir selbst verzeihen, meine Frau hat damit nichts mehr zu tun." All seine Ohnmacht und Schuldgefühle waren Gerald bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, er fühlte sich als Opfer und lebte im Vorwurf. Das Trennungsritual im Zuge der Familienaufstellung hilft ihm versöhnt zurückzuschauen. Gerald hat sich stets bei seinen neuen Partnerinnen über sein Schicksal beklagt. Die Frauen spürten, dass er nicht frei ist. Kein Wunder, dass ihn jede nach kurzer Zeit wieder verlassen hat.

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